Flachsbrechhaus in Göhren

Das Flachsbrechhaus in Göhren befindet sich am nordwestlichen Dorfrand im rückwärtigen Gartenanteil des Anwesens Hausnummer 20, dem sog. Kübelbauernhof (ehem. Lehen-Nummer 7). Es stellt das letzte Exemplar von ehemals neun gleichartigen Gebäuden dar, die jeweils am “Etter”, also an der äußeren Begrenzung des Dorfes standen. Die Lage des kleinen Häuschens, weit entfernt vom zugehörigen Wohn- und Wirtschaftsanwesen ist typisch. Durch die Anlage abseits vom eigentlichen Dorfkern sollte die Feuergefahr reduziert werden, die beim Hantieren mit dem leicht entzündlichen Abfallmaterial der Flachspflanzen (Schäben und Kurzfasern) bei Kerzenlicht bestand. In den Jahren 1989 bis 2008 wurde das Flachsbrechhaus auf Initiative des damaligen Vereinsvorsitzenden und Kreisheimatpflegers Gustav Mödl mit Mitteln unserer Gruppe restauriert.

 

 

Flachsbrechhaus im Jahr 1983 vor der Renovierung (Foto: Johannes Geisenhof)

Das genaue Datum der Erbauung des Flachsbrechhauses ist nicht bekannt. Die Bauzeit lässt sich lediglich auf einen Zeitraum zwischen 1820 und 1838 eingrenzen. Aufgrund von Baubefunden muss sich in dem nach Süden gelegenen Teil des kleinen Gebäudes in früheren Jahren bereits ein Darrofen befunden haben. Bis um 1920 wurde im Brechhaus auf traditionelle Weise Flachs bearbeitet. In den Folgejahren wurden die Darre und der zugehörige Kamin abgetragen. Das kleine Häuschen wurde schließlich als Lagerschuppen, eventuell auch als Garage genutzt. Nach der ersten Grundrenovierung der Mauern und des traditionellen Legschieferdaches wurde von 2006 bis 2008 nach archäologischen Befunden eines von der Anlage her weitgehend identischen Gebäudes in Göhren (zu Hausnummer 57, ehem. „Lenzenhof“) ein Darrofen mit deutschem Kamin rekonstruiert und eingebaut. Idee und ersten Planungen zur Ergänzung nach historischem Vorbild stammten noch von Gustav Mödl. Der Einbau des Ofens durch einen Weißenburger Ofenbaumeister nach Plänen des Architekten J. Geisenhof stellt somit in gewisser Hinsicht auch eine Art Vermächtnis des längjährigen Kopfes und Motors der Weißenburger Gruppe dar.

Video mit freundlicher Genehmigung durch den BR/ Frankenschau

Am 31. August 2008 konnte der Abschluss der Renovierung nach dem Einbau des Ofens mit einem kleinen Fest gefeiert werden. Zusammen mit dem Obst- und Gartenbauverein Göhren feierten wir mit Gottesdienst und Festbetrieb im Zelt. Im Rahmenprogramm stellten wir die aufwändigen und oft mühsamen Schritte der Flachsbearbeitung von der Pflanze bis zum Leinengarn und Leinenstoff sowie die medizinischen Anwendungsgebiete von Linum usitatissimum, so der wissenschaftliche Name des Leinsamens vor. Erstmals wurde an diesem Tag auch Brot und Hitzblootz, die “fränkische Pizza”, im Ofen des Flachsbrechhauses gebacken.

Unsere Leistungen im Zusammenhang mit der gelungenen Renovierung eines der letzten Flachshäuser in der Region wurden im November 2009 vom damaligen Generalkonservator Prof. Johannes Greipl in der jährlichen Denkmalprämierung des Bezirks Mittelfranken gewürdigt.

Bereits in der Zeit, als die Darre noch ihrer ursprünglichen Bestimmung- dem Trocknen der Flachsfasern- diente, nutzen die Besitzer den Ofen zum Brotbacken. In einer frühen Form des Energiesparens wurde nach dem Anschüren in der großen Hitze zunächst Brot gebacken, nach dem Abkühlen wurde dann in der Restwärme der Flachs zum Trocknen eingelegt.

Auch wenn heute die Flachsbearbeitung weitgehend an Bedeutung verloren hat und auch wir keinen Flachs mehr trocknen, nutzen wir den Ofen mehrmals pro Jahr zum Brotbacken. Nach dem behutsamen Vorschüren am Tag vor dem eigentlichen Backen, heizt unser Bäckerteam (zur Zeit Reiner Kammerl, Helmut Goth und unser Alt-Meister Adolf Mödl) in den frühen Morgenstunden den Ofen an, um dann zwischen 30 und 40 Brotlaibe “einzuschießen”. Nach gut einer Stunde Backzeit zeigt sich dann, ob sich der Aufwand wieder einmal gelohnt hat und wir ein weiteres Mal herrlich duftendes, frisch gebackenes Brot aus den eigenen Holzofen genießen können.

Mit einer kleinen Sammlung von altem Werkzeug erinnern wir an die Zeiten, als im Flachsbrechhaus noch dem mühsamen Geschäft der Flachsbearbeitung nachgegangen wurde. Neben zwei Flachsbrechen sind durch Schenkungen auch verschiedene Hecheln (zum “Durchkämmen” des Flachses) und Riffeln (zum Entfernen der Samenkapseln) in uneren Besitz gekommen. Diese stehen wie anderes historisches landwirtschaftliches Gerät an den Backtagen zur Besichtigung.

Einmal im Jahr bietet das Flachsbrechhaus den festlichen Rahmen für unser Sommerfest. Neben dem frisch gebackenen Brot genießen wir die herrliche Lage am Rande des “Grafendorfes” Göhren in einem kleinen Biergarten. Mit Brotzeiten, Bratwürsten vom Grill, dem legendären “Flachsbrechhausbier” unseres Vereinsfreundes Michael Mödl und Musik von der Nennslinger Blos´n stellt das Sommerfest einen Fixpunkt im Frankenbundprogramm dar.

 

Eine Sammlung mit Aufsätzen zum Thema, die im Zusammenhang mit der Einweihungsfeier des Flachsbrechhauses entstanden, wurden im Jahr 2013 zusammengefasst und sind als Heft 45 in der Schriftenreihe “Ellinger Hefte” des Stadtarchivs Ellingen erschienen. Das Heft ist direkt über uns, die Stadt Ellingen sowie den Barockverein Ellingen erhältlich.